Hohlkörper II – Variante XI

Copyright: Thorsten Singer 2013
Hohlkörper II – Variante XI, Thorsten Singer 2013

 

Auch wenn Michaela Wünsch es als Notwendigkeit empfindet, „zwischen der Wiederholung und dem Seriellen in kulturellen und ästhetischen Ausdrucksformen zu unterscheiden[,]“ (Wünsch 2010: 191) so ist die Wiederholung als solche oder auch in Form von Repetition oder Iteration dennoch eine grundsätzliche Voraus­setzung für Serialität (vgl. Mielke 2006: 45).

    Nach Gerard Genette „ist die „Wiederholung“ ein Konstrukt des Geistes, der aus jedem Einzelfall alles Individuelle eliminiert und nur das zurückbehält, was allen Fällen einer Klasse gemeinsam ist, ein Abstraktum also: „die Sonne“, „der Morgen“, „aufgehen““. (Genette 1998: 81) D.h., dass es genau genommen keine identische Wiederholung geben kann. Selbst wenn wir einen Satz mehrfach hinter­einander nennen, wie „Selbst der Tod ist eine Wiederholung. Selbst der Tod ist eine Wiederholung. Selbst der Tod ist eine Wiederhohung.“, so ist

 

"keiner der Fälle materiell (phonisch oder graphisch) völlig identisch mit den übrigen [...], ja nicht einmal ideel (linguistisch), allein schon wegen ihres gemeinsamen Vorkommens und ihrer Aufeinanderfolge, die diese drei Aussagen zu einer ersten, einer folgenden und einer letzten macht." (Ebd.: 81)

 

Zudem finden wir im letzten Wiederholungssatz unseres Beispiels einen Recht­schreibfehler (also „Wiederhohung“), der etwas plakativer illustrieren soll, dass jenes, was wir im narrato­logischen Kontext unter Wiederholung verstehen, nicht mit einer identischen Wiederkehr des immer Gleichen gleichzusetzen ist (vgl. Wünsch 2010: 192). Denn einerseits erzeugt eine Abfolge gleicher bzw. scheinbar gleicher Sätze immer eine Wirkung, deren spezifische Beschaffenheit vom – durch die Wieder­holung selbst geschaffenen – An- oder Abstieg der Bedeutung abhängt. So wirkt beispielsweise die völlige „Abwesenheit von Bedeutung“ überraschend und löst damit „beim Rezipienten [...] unter anderem einen komischen Effekt“ (beide Zitate: ebd.: 193) aus, wohingegen die Wiederholung unseres Beispielsatzes eher eine intensivierende Wirkung und dadurch einen Bedeutungszuwachs evoziert. Ähnliches gilt für die wiederholte Rezeption ein und desselben Textes, da sich ja die Erinnerungen an die vorangegangenen Male summiert (vgl. ebd.: 194).

    Andererseits kann – ähnlich dem Rechtschreibfehler in unserem Beispiel – der Reiz der Wiederholung gerade in der Variation des Textes liegen. Hier geht es also darum, bereits Vorhandenes durch eine leicht variierte Wiederholung aufzuberei­ten, zu verbessern, zu parodieren, in einem anderen Kontext darzustellen oder dem Zeitgeist anzupassen. Die Wiederholung bringt also Neues hervor. (Vgl. ebd.: 193, 201) Dieses Neue kann letztlich auch mit einer gewissen Selbstreflexivität einhergehen. Was beispielsweise auf Andy Warhols durch das Siebdruckverfahren pro­duzierten „innerbildlich seriell[e] Bilder“ zutrifft, welche „die reproduktive und serielle Herstellungsweise unmittelbar anschaulich werden [lassen].“ (beide Zitate: Lüthy 1995: 89)

    Hohlkörper II – Variante XI tendiert jedoch nur auf den ersten Blick in diese Richtung. Es setzt sich aus den Varianten III, V, VIII und X zusammen, also aus vier Abbildungen des Originals Hohlkörper II, die ihrerseits jedoch nicht bloße Kopien sind, sondern das Original auf individuelle Art und Weise wiedergeben. Möglich gemacht wird dies grundsätzlich durch die unterschiedliche Materialität der Farben, die für den schwarzen Hintergrund einerseits und die Figur im Vordergrund andererseits verwendet wurden, und weitergehend durch die jeweils unterschiedliche Lichtsetzung. Hierbei wurde zum einen mit verschiedenen Farbfolien, aber auch mit jeweils divergierenden inhaltlichen Schwerpunkten gearbeitet. Das Ergebnis zeigt somit die vierfache Wiederholung desselben Bildes, wobei jede Wiederholung für sich durch die individuelle Farbgebung und Beleuchtung autonome Konnotationen vermittelt. Die Zusammenführung dieser vier Varianten innerhalb eines Rahmens liefert somit den interpretativen Spielraum für den Gedanken, dass durch die Varianten einer Wiederholung so etwas wie eine Erzählung entstehen kann.

 

                                                                                              Thorsten Singer, 30.11.2013

 

 

Literatur:

 

Genette, Gerard (1998): Die Erzählung, München 1998: Wilhelm Fink Verlag.

 

Lüthy, Michael (1995): Andy Warhol. Thirty Are Better Than One, Frankfurt am Main / Leipzig 1995: Insel Verlag.

 

Mielke, Christine (2006): Zyklisch-serielle Narration. Erzähltes Erzählen von 1001 Nacht bis zur TV-Serie, Berlin 2006: Walter de Gruyter Verlag.

 

Wünsch, Michaela (2010): Serialität und Wiederholung in filmischen Medien, in: Blättler, Christine (Hrsg.) (2010): Kunst der Serie. Die Serie in den Künsten, München 2010: Wilhelm Fink Verlag.

 

 

Tut weh, schmeckt nicht,
man kann's kaum schlucken;
schmeckt bitter, schmeckt nach Blut,
aber nach den Tränen ist der Blick klar.