At Work with Stephan Haimerl

Der dokumentarische Film funktioniert auf mehreren Ebenen und hat eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten, konzentriert sich aber auf ein zentrales Feld: Arbeit. So galt es nicht nur, den Protagonisten bei seiner künstlerischen Tätigkeit zu begleiten, vom Aufspannen der Leinwand bis hin zum fertigen Gemälde oder auch: bis hin zur Modifikation oder Zerstörung fertiger Gemälde; vielmehr sollte ein Geflecht aus heterogenen Arbeiten dargestellt werden, die sich letztlich um das künstlerische Schaffen anordnen.

So begleiten wir Stephan Haimerl bei verschiedenen Tätigkeiten im Gastronomiebetrieb Palais Schaumburg im Nürnberger Stadtteil Gostenhof. Dort konnte er sein Geschick in der Küche, hinterm Tresen, bei Re­paratur- und Reinigungsarbeiten einsetzen. Ebenso sehen wir den Künstler bei der Arbeit mit Schülern der Städtischen Ge­samtschule Insel Schütt als Pro­jektleiter der dortigen Kunst-AG. Und schließlich sind wir auch dabei, wenn sich Haimerl beim Abbau eines Kunstwerks im Neuen Museum in Nürnberg be­teiligt, wo er für Auf- und Ab­bauarbeiten von Ausstellungen tätig war.

Der Film gibt uns die Möglich­keit, den Weg des Künstlers und seiner kleinen Familie durch die verschiedenen Arbeitswelten in Nürnberg über den Umzug bis nach Leipzig mitzuverfolgen, wo Atelier- und Lebensraum nun vollends verschmolzen sind. Dieser Verlauf oder vielleicht besser: diese Bewegung ermöglicht es uns, durch die filmische Arbeit weitere Ebenen sichtbar zu machen. Denn Stephan, Birke und Ivana sind zwar die ProtagonistInnen unseres Films, fungieren aber auch als paradigmatische Akteure, deren Lebenswirklichkeit durchaus auf ein Gros von Kunst- und Kulturschaffenden übertragbar ist. Wir geben somit Einblicke in den Kulturbetrieb mitsamt verknüpfter Mechanis­men innerhalb zweier Städte mit einer besonderen Konzentration auf Nürnberg. Thematisiert werden die Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, die Galerienszene sowie das Projekt Auf AEG, die Initiativen, die mit dem Quelle-Areal in Verbindung stehen, bis hin zur MIB bzw. alten Baumwollspinnerei in Leipzig. Entsprechend zählen zu den Interviewpartnern unter anderem Bertram Schultze (MIB), Dr. Thomas Heyden (Leitung der Sammlung im Neuen Museum Nürnberg), Dr. Michael Kläver (Direktor Vorstandsstab der Sparkasse Nürnberg), Gerry Schmidt (Dozent der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg), die Galeristin Annette Oechsner sowie die Künstler Andreas Oehlert und Anna Bittersohl.

 

Die Struktur des Films

 

Das Rückgrat der filmischen Erzählung setzt sich aus zwei konstanten Elementen zusammen, zwei Linien, entlang derer sich alle anderen Elemente anordnen. Die erste Konstante besteht in der Arbeit an einem Gemälde, die sich in verschiedenen Schritten immer weiter fortsetzt, womit die zentrale Thematik ‚Arbeit‘ bzw. ‚Kunst als Arbeit‘ veranschaulicht wird.

Die zweite Konstante besteht in einem Gespräch zwischen Stephan Haimerl und Tibor Baumann. Beide hatten sich als Arbeitskollegen im Palais Schaumburg kennengelernt, woraus sich nicht nur eine enge Freundschaft, sondern auch eine künstlerische Arbeitsgemeinschaft ent­wickelt hat. So war Haimerl für diverse Tabula Rasa Film-Projekte des Filmemachers Baumann unter anderem als Kulissenbauer, als Gestalter malerischer Elemente für einen Experimentalfilm oder auch als Nebendarsteller tätig. Das Gespräch greift alle Themenbereiche auf und fungiert somit als basales Verknüpfungselement für spezifisches Bildmaterial und alle Interviews. Dabei wird die Linie der zweiten Konstante in regelmäßigen Abständen durch die Segmente der ersten Konstante unterbrochen.

Der bereits angesprochene Umzug nach Leipzig stellt zu Beginn des Films noch eine unbe­kannte Variable dar und wird innerhalb der Erzählkonstruktion als ein Wendepunkt eingesetzt, der unweigerlich mit einer kritischen Betrachtung der Situation für Kunst- und Kulturschaffende in Nürnberg einhergeht. Wichtig ist zudem, dass Anfang und Ende des Films als eine konzeptuelle Einheit zu betrachten sind: Der Film beginnt mit Top-Shot-Aufnahmen von Nürnberg, anschließend wird die Distanz verringert und wir finden uns im Atelierraum und nah am Protagonisten wieder. Am Ende hingegen distanzieren wir uns wieder von ihm, die Einstellungsgrößen werden totaler, wir schweben über dem Dach des neuen Ateliers und sehen schließlich Top-Shot-Aufnahmen der Stadt Leipzig. Somit ergibt sich eine Klammer, die bereits auf die Makro- und Mikroebenen des Films verweist.

 

At Work with ... – ein serielles Konzept?

 

Daszugrunde liegende Konzept, die verschiedenen Lebens- und Arbeitswelten von Kunst- und Kulturschaffenden mit dem Fokus auf dem Themenfeld ‚Arbeit‘ zu beleuchten, wurde durch den Dokumentarfilm At Work with Violet Moon von Thorsten Singer begründet. Dieser Vorläufer begleitet die Death Metal-Band Violet Moon, die sich im Zeitraum der Dreharbeiten aus Mitgliedern aus Erlangen und Amberg zusammensetzte. Die Musiker werden dabei nicht nur bei musikalischen Arbeiten wie dem Spielen auf Proben und Konzerten gezeigt, sondern vor allem auch beim Ausüben ihrer hauptberuflichen Arbeitstätigkeiten.

Bei At Work with Stephan Haimerl ist es nun der bildende Künstler, dessen Lebenswirklichkeit präsentiert wird. Dennoch lassen sich das Themenfeld ‚Arbeit‘ und die Notwendigkeit, abseitige Tätigkeiten aufzunehmen, um die eigentlich präferierte Arbeit praktizieren zu können, als gleich­bleibende Elemente ausmachen. Ebenso erhalten hat sich ein gewisses Montage-Konzept, nach dem – nun mit erheblich besseren Voraussetzungen – via gezielt und ökonomisch eingesetzten Techniken nicht nur eine eigene Ästhetik entwickelt, sondern auch die filmische Arbeit als solche potentiell sichtbar gemacht werden soll.

At Work with kann also ein vielschichtiges Bild von Arbeits- und Lebenswelten entwerfen. Es handelt sich dabei nicht nur um eine bestimmte Art und Weise, einen Künstler zu porträtieren, sondern vielmehr um einen Blick auf ein Geflecht verschiedener Arbeitswelten, das durch das Zusammenspiel seiner Elemente die künstlerische Arbeit erst möglich macht.

 

Stabliste:

 

Buch: Tibor Baumann & Thorsten Singer

Produktion: Tibor Baumann

Produktionsassistenz: Saskia Kreutzer

Regie: Thorsten Singer

Regieassistenz: Nora D. Rolfs

Erste Kamera: Markus Reichel

Zweite Kamera: Benedikt Seidl

Drohnenpilot: Christian Schmidt

Ton: Tobias Kaiser

Musik: Hannah Scharrer

Schnitt: Timothy Franks

 

Tut weh, schmeckt nicht,
man kann's kaum schlucken;
schmeckt bitter, schmeckt nach Blut,
aber nach den Tränen ist der Blick klar.